Nachhaltigkeit

Wie integriert man kreislaufwirtschaftliche Prinzipien in die Zutatenbeschaffung eines Handelsunternehmens

Wie integriert man kreislaufwirtschaftliche Prinzipien in die Zutatenbeschaffung eines Handelsunternehmens

Die Beschaffung von Zutaten in einem Handelsunternehmen neu zu denken heißt: nicht nur Kosten, Qualität und Lieferfähigkeit zu betrachten, sondern den gesamten Materialkreislauf — von Rohstoffgewinnung bis Rückführung — aktiv zu gestalten. In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder die gleichen Fragen: Wo beginnt Kreislaufwirtschaft praktisch bei der Zutatenbeschaffung? Mit welchen Hebeln lasse sich schnell Wirkung erzielen? Und wie messe ich Fortschritt so, dass er für Einkauf, Produktion und Management relevant bleibt? In diesem Beitrag skizziere ich einen pragmatischen Fahrplan, konkrete Maßnahmen und KPIs, die Sie sofort umsetzen oder in Pilotprojekten testen können.

Was bedeutet Kreislaufwirtschaft für die Zutatenbeschaffung konkret?

Für mich ist Kreislaufwirtschaft kein abstraktes Konzept, sondern ein operativer Anspruch: Zutaten sollen so beschafft werden, dass Materialeffizienz, Langlebigkeit, Wiederverwendbarkeit und Recyclingfähigkeit maximiert werden. Das betrifft Rohstoffe (z. B. Getreide, Öl, Milch), Nebenströme (z. B. Schalen, Pressrückstände) und Verpackungen. Wichtig ist, dass die Maßnahmen wirtschaftlich tragfähig sind — ansonsten bleiben sie Pilotprojekte ohne Skalierung.

Fahrplan: fünf Schritte zur Integration kreislaufwirtschaftlicher Prinzipien

Ich empfehle eine Reihenfolge, die von Analyse zu Pilot zu Skalierung führt:

  • Ist-Analyse und Materialstrom-Mapping
  • Priorisierung von Hebeln nach Wirkung und Umsetzbarkeit
  • Lieferanten-Engagement und Vertragsgestaltung
  • Pilotprojekte und Prozessanpassungen
  • Monitoring, KPIs und Skalierung
  • Ist-Analyse und Materialstrom-Mapping

    Starten Sie mit einer datengetriebenen Bestandsaufnahme: Welche Zutaten verursachen den größten ökologischen Fußabdruck? Welche Nebenströme fallen in Ihrer Produktion oder bei Lieferanten an? Ich nutze gern ein einfaches Materialstrom-Mapping, um Mengen, Herkunft, Verpackungsarten und aktuelle Verwertungswege zu dokumentieren. Ein kleines Beispiel: Bei einem mittelgroßen Produktionsstandort zeigten Daten, dass 60 % der organischen Abfälle aus Schälprozessen stammten — ein plausibler Hebel für Upcycling oder industrielle Kompostierung.

    Priorisieren: Hebel nach Wirkung und Machbarkeit

    Nicht alle Maßnahmen sind gleich wirksam oder schnell umsetzbar. Ich ordne mögliche Maßnahmen nach zwei Achsen: Potenzielle Umweltwirkung (CO2, Wasser, Abfall) und operative Machbarkeit (Kosten, Zeit, Lieferantenfähigkeit). Typische Hebel, die bei Handelsunternehmen schnell Wirkung zeigen:

  • Substitution kritischer Rohstoffe durch zirkuläre oder lokale Alternativen
  • Verwertung von Nebenströmen (z. B. Verkapselung von Pressrückständen als Futtermittel oder Biogas)
  • Reduktion von Verpackungsaufwand entlang der Supply Chain
  • Einführung von Rücknahme- oder Pfandsystemen für primäre Verpackungen
  • Lieferanten-Engagement und Vertragsgestaltung

    Lieferanten sind Partner, nicht nur Kostenstellen. Ich beginne immer mit Dialog: gemeinsame Workshops, Transparenz über Ziele und machbare Schritte. Konkrete Instrumente:

  • Lieferantenselbstauskünfte zu Materialströmen und Verwertungsoptionen
  • Incentivierte Ziele in Lieferverträgen (z. B. Bonus bei Rücklieferung von Reststoffen oder bei Erreichen bestimmter Recyclingquoten)
  • Langfristige Abnahmegarantien für zirkuläre Produkte, um Investitionen beim Lieferanten zu ermöglichen
  • Ein Beispiel: Ein Händler integrierte in Verträge mit Ölmühlen eine Klausel, die eine Rücknahme von Ölschlamm für Biogasanlagen regelte. Dadurch konnten beide Seiten Entsorgungskosten sparen und Emissionen senken.

    Pilotprojekte: konkret, messbar, begrenzt

    Piloten sind mein bevorzugtes Mittel, um Risiken zu senken und Erkenntnisse zu gewinnen. Gute Pilotprojekte haben klare Hypothesen, Zeitrahmen (3–6 Monate) und Metriken. Mögliche Piloten:

  • Test einer regionalen Zutat mit höherer Rückverfolgbarkeit und geringerem Abfallaufkommen (z. B. regionale Bohnen statt importierter Mischsaat)
  • Upcycling-Projekt: Verwertung von Fruchtpressrückständen zu Snack-Zutaten oder Tierfutter (Partnerschaften mit Start-ups wie Toast Ale oder lokale Upcycler)
  • Pfandsystem für Großpackungen im B2B: Wiederauffüllbare Container für Zutaten wie Sirupe oder Öle
  • Ich habe gute Erfahrungen mit kleinen, cross-funktionalen Teams gemacht: Einkauf, Qualität, Produktentwicklung und Supply-Chain-Management arbeiten eng zusammen. Testen Sie Proben in Produktion und Handel, messen Sie sensorische Akzeptanz und logistische Auswirkungen.

    Operationalisierung: Prozesse und Verpackungsdesign

    Kreislauffähigkeit beginnt oft beim Produktdesign. Für Zutaten bedeutet das:

  • Verpackungen so wählen, dass sie leicht sortier- und recyclebar sind (z. B. Monomaterialien, Vermeidung von Verbundfolien)
  • Transportverpackungen optimieren, um Retouren und Verlust zu reduzieren
  • Produktformulierung so anpassen, dass Nebenströme valorisiert werden können (z. B. Feste statt flüssiger Formulierungen, die weniger Verpackung benötigen)
  • Marken wie Alnatura oder dm haben gezeigt, dass Verbraucher vermeintlich minimalinvasive Veränderungen bei Zutaten akzeptieren, wenn Nachhaltigkeitsvorteile transparent kommuniziert werden.

    Rücknahmesysteme und Partnerschaften

    Für Handelsunternehmen bieten sich verschiedene Modelle an:

  • Kooperation mit spezialisierten Recycling- oder Upcycling-Unternehmen wie TerraCycle oder lokale Bioenergieanbieter
  • Pfandsysteme für Großgebinde im B2B-Bereich oder Mehrwegbehälter für Consumer-Segmente
  • Partnerschaften mit Food-Redistribution-Programmen (z. B. Too Good To Go, Foodsharing) zur Minimierung von Lebensmittelverlusten entlang der Supply Chain
  • Wichtig ist: Klare Verantwortlichkeiten und Rückfuhrlogistik definieren. Ohne saubere Logistik bleiben Rücknahmesysteme ineffizient.

    KPIs und Monitoring

    Messbare KPIs sind entscheidend, damit Nachhaltigkeitsmaßnahmen nachvollziehbar und steuerbar werden. Ich setze auf ein kleines Set an Kernkennzahlen:

  • Vermeideter Abfall (kg/Jahr) — wie viele Tonnen organischer Abfälle wurden durch Upcycling oder andere Maßnahmen vermieden?
  • Recyclingquote der eingesetzten Verpackungen (%) — Anteil recyclebarer/recycelter Verpackungen an der Gesamtmenge
  • Scope‑3‑Emissionsreduktion (t CO2e) — durch Materialsubstitution oder regionale Beschaffung
  • Anteil zirkulärer Zutaten am Sortiment (%) — direkt messbar über Warengruppen
  • Kosten-Nutzen-Ratio — Einsparungen oder zusätzliche Kosten pro eingespartem CO2/t oder pro kg Abfall
  • Technisch lässt sich vieles mit vorhandenen ERP- und Procurement-Tools abbilden. Bei begrenzten Ressourcen starte ich mit Excel-Dashboards und monatlichen Reviews mit den relevanten Stakeholdern.

    Erfolgsfaktoren und häufige Stolpersteine

    Aus mehreren Projekten habe ich fünf Erfolgsfaktoren abgeleitet:

  • Top-Down-Unterstützung kombiniert mit operativer Verantwortung auf Abteilungsebene
  • Frühes Einbeziehen von Lieferanten und Logistikpartnern
  • Realistische wirtschaftliche Bewertung und Pilottoleranz
  • Transparente Kommunikation intern und extern
  • Flexibilität: Prozesse iterativ anpassen, statt perfekte Lösungen zu erwarten
  • Häufige Fehler sind zu ambitionierte Ziele ohne Ressourcen, fehlender Datennachweis oder isolierte Projekte ohne Skalierungsplan.

    Praxisbeispiele, die inspirieren

    Ein Händler integrierte in seinem Sortiment eine „Regional-Linie“ für Getreideprodukte, bei der Lieferanten verpflichtet wurden, Verarbeitungssubstrate zur Weiterverwertung an lokale Biogasanlagen zu liefern. Ergebnis: reduzierte Entsorgungskosten, lokale CO2-Reduktion und ein marketingfähiges Argument für Kunden.

    Ein anderes Projekt nutzte Pressrückstände aus der Saftproduktion als Futterkomponente für Tierfutter — in Kooperation mit einem Futtermittelhersteller. Das erforderte Produktprüfungen und regulatorische Klärungen, lieferte aber eine zusätzliche Erlösquelle für den Lieferanten.

    Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen helfen, eine kurze Checkliste oder ein Pilot-Design für Ihr Unternehmen zu erstellen — mit konkreten KPIs und einem Zeitplan. Sprechen Sie mich an, wenn Sie einen praktischen Umsetzungsplan für Ihre Zutatenbeschaffung brauchen.

    Sie sollten auch die folgenden Nachrichten lesen: