Als Produktentwicklerin und Beraterin in der Lebensmittelbranche habe ich mehrfach mittelständische Hersteller begleitet, die vor genau dieser Frage standen: Wie kann eine klimafreundliche Lieferkette für Kaffeespezialitäten aufgebaut werden, ohne den Service-Level — in unserem Projekt definiert als monatliche Verfügbarkeit auf einer Skala von 1–10 — unter 9 zu senken? Die Herausforderung ist real: Nachhaltigkeit bedeutet oft längere Beschaffungswege, geringere Mengen aus Pilotprojekten oder komplexere Logistik. Gleichzeitig darf die Verfügbarkeit für Handelspartner und Endkund:innen nicht leiden. In diesem Beitrag schildere ich eine strukturierte Vorgehensweise, Praxisbeispiele aus einem Projekt und konkret umsetzbare Maßnahmen.
Was ich zuerst kläre: Zielindikatoren und Scope
Bevor man an Lieferantenwechsel oder CO2-Bilanzen denkt, lege ich zusammen mit dem Team die Zielgrößen fest. Im genannten Projekt waren das:
Diese Klarheit hilft, Prioritäten zu setzen: Manche Maßnahmen (z. B. Umstieg auf lokale Verpackung) sind schnell umzusetzen, andere (Förderung agroforstlicher Anbaumethoden) brauchen Zeit, aber liefern größere Klimavorteile.
Schritt 1: Supply-Chain-Mapping und Hotspot-Analyse
Ich beginne immer mit einem detaillierten Mapping: Wer sind die aktuellen Kaffeebauern, Sammelstellen, Exporteur:innen, Verschiffungsrouten, Röster, Verpacker und Logistikpartner? Für Specialty Coffee liegen die größten Emissionsanteile häufig in Anbau (Landnutzungsänderung, Dünger), Transport (lange Seefrachtswege, Airfreight von früheren Express-Lösungen) und der Röstung.
Im Projekt haben wir eine CO2-Hotspot-Analyse durchgeführt (vereinfacht mit Emissionsfaktoren aus FAO und DEFRA), um Maßnahmen nach Impact und Umsetzbarkeit zu priorisieren.
Strategien, die Verfügbarkeit sichern
Die Kernfrage war: Wie reduzieren, ohne zu riskieren, dass die Monatsverfügbarkeit unter 9 fällt? Die Antworten lagen in Kombinationen aus Diversifizierung, Puffern und Vertragsgestaltung:
Reduktionsmaßnahmen mit hoher Wirkung
Unsere Hotspot-Analyse zeigte drei Hebel mit hohem Potenzial:
Carbon Accounting, Zertifikate und Glaubwürdigkeit
Transparenz ist zentral. Wir implementierten ein jährliches CO2-inventar nach GHG-Protokoll und zwei Ebenen der Glaubwürdigkeit:
Wichtig: Communicate nicht nur ein Label, sondern zeige die Maßnahmen, KPIs und Fortschritte offen – Händler und Endkunden erwarten Belege.
Vertragsgestaltung und Zusammenarbeit mit Kooperativen
Um Verfügbarkeit und Nachhaltigkeit zu verbinden, habe ich folgende Vertragsbausteine empfohlen:
Operationalisierung: Tools und KPIs
Für die Umsetzung nutzten wir einfache, aber effektive Tools:
Das folgende Beispiel zeigt eine vereinfachte KPI-Vergleichstabelle vor und nach Jahr 1 des Programms:
| Indicator | Baseline (Jahr 0) | Nach 12 Monaten |
|---|---|---|
| Monatliche Verfügbarkeit (Skala 1–10) | 8.7 | 9.2 |
| CO2e (Scope 1–3) kg/kg Kaffee | 7.4 | 6.1 |
| Durchschnittlicher Lieferleadtime (Tage) | 28 | 24 |
| Lagerreichweite (Wochen) | 3 | 6 |
Praxisbeispiele & Lessons Learned
Ein konkreter Fall: Eine mittelständische Rösterei in Süddeutschland senkte Emissionen durch Umstellung auf volle Containerlieferungen und Aufbau eines europäischen Konsolidierungslagers. Anfangs befürchtete das Sales-Team, dass längere Vorlaufzeiten die Verfügbarkeit verschlechtern würden. Durch enges Forecasting und 6-wöchige Sicherheitsbestände blieb die Verfügbarkeit stabil und stieg sogar leicht, weil Out-of-Stock-Situationen durch schnellere Reaktionsplanung zurückgingen.
Ein anderer Hebel war die Einführung von "Regional Blend"-SKUs: Anstatt single-origin-Produkte, die stark von einer Ernte abhängig sind, erlaubten Blends mehr Flexibilität im Sourcing und halfen, Schwankungen auszugleichen, ohne die Positionierung als Specialty Coffee aufzugeben.
Kosten, Amortisation und Handelspartner überzeugen
Nachhaltigere Lieferketten sind nicht kostenlos. Im Projekt stiegen die Rohwarenkosten initial um ~6–8 %. Durch Effizienzgewinne (weniger Expressversand, bessere Röst-Auslastung) und bessere Listungen bei Handelspartnern (Premium-Regalplätze) konnte der Nettomehreffekt nach 18–24 Monaten neutralisiert werden. Ich rate, mit Handelspartnern offen über Kosten zu sprechen und gemeinsam Vermarktungsmaßnahmen zu planen (z. B. Storytelling zur Herkunft und Agroforst-Impact), damit Mehrpreis akzeptiert wird.
Skalierbarkeit und nächste Schritte
Nachdem das Pilotjahr stabil lief, empfehle ich folgende nächsten Schritte:
Wenn Händler, Rösterei und Produzent:innen im Boot sind — mit klaren KPIs, flexiblen Verträgen und pragmatischen Puffern — lässt sich eine klimafreundliche Lieferkette für Kaffeespezialitäten aufbauen, die die monatliche Verfügbarkeit auf ≥9 hält. Das erfordert Ehrlichkeit über Kompromisse, aber vor allem pragmatische Schritte und messbare KPIs, die ich in Projekten immer priorisiere.