Fallstudien

Wie stellt ein mittelständischer Hersteller eine klimafreundliche Lieferkette für Kaffeespezialitäten um, ohne die monatliche Verfügbarkeit unter 9 fallen zu lassen

Wie stellt ein mittelständischer Hersteller eine klimafreundliche Lieferkette für Kaffeespezialitäten um, ohne die monatliche Verfügbarkeit unter 9 fallen zu lassen

Als Produktentwicklerin und Beraterin in der Lebensmittelbranche habe ich mehrfach mittelständische Hersteller begleitet, die vor genau dieser Frage standen: Wie kann eine klimafreundliche Lieferkette für Kaffeespezialitäten aufgebaut werden, ohne den Service-Level — in unserem Projekt definiert als monatliche Verfügbarkeit auf einer Skala von 1–10 — unter 9 zu senken? Die Herausforderung ist real: Nachhaltigkeit bedeutet oft längere Beschaffungswege, geringere Mengen aus Pilotprojekten oder komplexere Logistik. Gleichzeitig darf die Verfügbarkeit für Handelspartner und Endkund:innen nicht leiden. In diesem Beitrag schildere ich eine strukturierte Vorgehensweise, Praxisbeispiele aus einem Projekt und konkret umsetzbare Maßnahmen.

Was ich zuerst kläre: Zielindikatoren und Scope

Bevor man an Lieferantenwechsel oder CO2-Bilanzen denkt, lege ich zusammen mit dem Team die Zielgrößen fest. Im genannten Projekt waren das:

  • Service-Level: monatliche Verfügbarkeit ≥ 9/10
  • Reduktionsziel Scope 1–3: -30 % CO2e innerhalb von 5 Jahren (gegenüber Basisjahr)
  • Produktpositionierung: Specialty Coffee, Single-Origin und Blends
  • Kostentoleranz: maximal +8 % Einkaufspreis pro kg im ersten Jahr
  • Diese Klarheit hilft, Prioritäten zu setzen: Manche Maßnahmen (z. B. Umstieg auf lokale Verpackung) sind schnell umzusetzen, andere (Förderung agroforstlicher Anbaumethoden) brauchen Zeit, aber liefern größere Klimavorteile.

    Schritt 1: Supply-Chain-Mapping und Hotspot-Analyse

    Ich beginne immer mit einem detaillierten Mapping: Wer sind die aktuellen Kaffeebauern, Sammelstellen, Exporteur:innen, Verschiffungsrouten, Röster, Verpacker und Logistikpartner? Für Specialty Coffee liegen die größten Emissionsanteile häufig in Anbau (Landnutzungsänderung, Dünger), Transport (lange Seefrachtswege, Airfreight von früheren Express-Lösungen) und der Röstung.

    Im Projekt haben wir eine CO2-Hotspot-Analyse durchgeführt (vereinfacht mit Emissionsfaktoren aus FAO und DEFRA), um Maßnahmen nach Impact und Umsetzbarkeit zu priorisieren.

    Strategien, die Verfügbarkeit sichern

    Die Kernfrage war: Wie reduzieren, ohne zu riskieren, dass die Monatsverfügbarkeit unter 9 fällt? Die Antworten lagen in Kombinationen aus Diversifizierung, Puffern und Vertragsgestaltung:

  • Mehrere Smallholder-Kooperativen statt einzelner Lieferanten: Durch sourcing bei 3–5 Kooperativen in unterschiedlichen Regionen verteilen wir Ausfallrisiken (Wetter, Ernteausfälle).
  • Strategische Sicherheitsbestände (shelf buffers): Ziel: 6–8 Wochen Sicherheitsbestand für Bestseller-SKUs. Für Specialty Coffee ist das sensibel wegen Frische — daher in grüner Bohne, nicht geröstet.
  • Rolling Forecast & Flexibilitätsklauseln: Monatliche Forecast-Meetings mit Lieferanten und Option auf kurzfristige Zuschläge vereinbart.
  • Lokale Zwischenlager und Kommissionierung: Ein zentrales Lager in Europa reduziert Lead Times in der Sekundärlogistik gegenüber direktem Versand an Händler.
  • Röstplanung nach Batch-Optimierung: Röstkapazität wird in Schichten geplant, um kurzfristige Nachorders ohne Outsourcing abzudecken.
  • Reduktionsmaßnahmen mit hoher Wirkung

    Unsere Hotspot-Analyse zeigte drei Hebel mit hohem Potenzial:

  • Agroforstsysteme & Anbauschulungen: Langfristig größte CO2-Reduktion. Wir unterstützten Kooperativen beim Umbau auf Schattenkaffee/agroforstliche Systeme und messten Kohlenstoffzuwachs durch Partnerprojekte mit NGOs.
  • Optimierung der Seecontainer-Routen: Konsolidierung von Lieferungen in volle Container statt LCL (less-than-container load) reduziert pro kg Emissionen deutlich. Außerdem Umstieg von Express-Air freight auf See bei nicht zeitkritischen Lieferungen.
  • Rösten & Energieeffizienz: Austausch älterer Röstanlagen durch effizientere Modelle und Einsatz von Restwärme zur Trocknung/Heizung senkte Scope 1 Emissionen in der Anlage.
  • Carbon Accounting, Zertifikate und Glaubwürdigkeit

    Transparenz ist zentral. Wir implementierten ein jährliches CO2-inventar nach GHG-Protokoll und zwei Ebenen der Glaubwürdigkeit:

  • Nachvollziehbare Reduktionen: Direkte Messungen (z. B. Energieverbrauch Röster), Lieferanten-Daten (Transport, Anbaupraktiken) und standardisierte Emissionsfaktoren.
  • Komplementäre Maßnahmen: Für Residualemissionen nutzten wir keine Pauschal-Offsets, sondern investierten in Verified Carbon Standard (VCS) Agroforst-Projekte in Ursprungsländern, die gleichzeitig Community-Benefits liefern.
  • Wichtig: Communicate nicht nur ein Label, sondern zeige die Maßnahmen, KPIs und Fortschritte offen – Händler und Endkunden erwarten Belege.

    Vertragsgestaltung und Zusammenarbeit mit Kooperativen

    Um Verfügbarkeit und Nachhaltigkeit zu verbinden, habe ich folgende Vertragsbausteine empfohlen:

  • Langfristige Abnahmevereinbarungen (2–5 Jahre) mit Preisprämien für nachhaltige Praktiken – das schafft Planungssicherheit für Bäuer:innen und Stabilität für uns.
  • Flex-Volumes: Vertragsoptionen, die es erlauben, Mengen +/- 20 % kurzfristig anzupassen, um saisonale Schwankungen abzufangen.
  • Investitionsklauseln: Vorschusszahlungen oder Maschinenkauf (z. B. NASS-Entpulper) unter Rückzahlungsplan, gekoppelt an Qualitäts- und Nachhaltigkeits KPIs.
  • Operationalisierung: Tools und KPIs

    Für die Umsetzung nutzten wir einfache, aber effektive Tools:

  • Excel-basierte Rolling Forecasts (12 Monate) mit SKU-Level-Verfügbarkeit
  • Ein Dashboard mit KPIs: CO2e t/tonne, On-Time-Delivery, Service-Level (Verfügbarkeit), Lagerreichweite in Wochen
  • Quarterly Supplier Reviews: Qualität, Nachhaltigkeitsfortschritt, Lieferperformance
  • Das folgende Beispiel zeigt eine vereinfachte KPI-Vergleichstabelle vor und nach Jahr 1 des Programms:

    Indicator Baseline (Jahr 0) Nach 12 Monaten
    Monatliche Verfügbarkeit (Skala 1–10) 8.7 9.2
    CO2e (Scope 1–3) kg/kg Kaffee 7.4 6.1
    Durchschnittlicher Lieferleadtime (Tage) 28 24
    Lagerreichweite (Wochen) 3 6

    Praxisbeispiele & Lessons Learned

    Ein konkreter Fall: Eine mittelständische Rösterei in Süddeutschland senkte Emissionen durch Umstellung auf volle Containerlieferungen und Aufbau eines europäischen Konsolidierungslagers. Anfangs befürchtete das Sales-Team, dass längere Vorlaufzeiten die Verfügbarkeit verschlechtern würden. Durch enges Forecasting und 6-wöchige Sicherheitsbestände blieb die Verfügbarkeit stabil und stieg sogar leicht, weil Out-of-Stock-Situationen durch schnellere Reaktionsplanung zurückgingen.

    Ein anderer Hebel war die Einführung von "Regional Blend"-SKUs: Anstatt single-origin-Produkte, die stark von einer Ernte abhängig sind, erlaubten Blends mehr Flexibilität im Sourcing und halfen, Schwankungen auszugleichen, ohne die Positionierung als Specialty Coffee aufzugeben.

    Kosten, Amortisation und Handelspartner überzeugen

    Nachhaltigere Lieferketten sind nicht kostenlos. Im Projekt stiegen die Rohwarenkosten initial um ~6–8 %. Durch Effizienzgewinne (weniger Expressversand, bessere Röst-Auslastung) und bessere Listungen bei Handelspartnern (Premium-Regalplätze) konnte der Nettomehreffekt nach 18–24 Monaten neutralisiert werden. Ich rate, mit Handelspartnern offen über Kosten zu sprechen und gemeinsam Vermarktungsmaßnahmen zu planen (z. B. Storytelling zur Herkunft und Agroforst-Impact), damit Mehrpreis akzeptiert wird.

    Skalierbarkeit und nächste Schritte

    Nachdem das Pilotjahr stabil lief, empfehle ich folgende nächsten Schritte:

  • Skalierung agroforstlicher Projekte mit zusätzlichen Kooperativen
  • Investition in digitale Traceability (Blockchain-Pilot oder ERP-Module) für mehr Transparenz
  • Schulung interner Teams in Forecasting und Category Management, um Verfügbarkeit und Nachhaltigkeitsziele dauerhaft zu verankern
  • Wenn Händler, Rösterei und Produzent:innen im Boot sind — mit klaren KPIs, flexiblen Verträgen und pragmatischen Puffern — lässt sich eine klimafreundliche Lieferkette für Kaffeespezialitäten aufbauen, die die monatliche Verfügbarkeit auf ≥9 hält. Das erfordert Ehrlichkeit über Kompromisse, aber vor allem pragmatische Schritte und messbare KPIs, die ich in Projekten immer priorisiere.

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