Nachhaltigkeit

Wie bewertet man CO2-Reduktion realistisch: praxisnahe Methode für Produktmanager

Wie bewertet man CO2-Reduktion realistisch: praxisnahe Methode für Produktmanager

Als Produktmanagerin höre ich oft die Frage: Wie viel CO2-Reduktion ist realistisch und wie bewerte ich Fortschritte glaubwürdig? Die Theorie ist klar: Scope-1, -2 und -3 betrachten, Lebenszyklus betrachten, Science-Based Targets setzen. In der Praxis scheitern viele Projekte an fehlenden Daten, unklaren Baselines und an der Versuchung, Maßnahmen zu überschätzen. Ich beschreibe hier eine pragmatische, praxisnahe Methode, die ich in Projekten mit Herstellern und Retail-Teams erfolgreich eingesetzt habe — Schritt für Schritt, mit konkreten KPIs und Hinweisen zur Umsetzung.

Warum eine realistische Bewertung wichtig ist

Realistisch zu bewerten schützt vor zwei Risiken: Erstens, vor Überschätzung des Impacts (und damit vor Enttäuschungen und Reputationsschäden); zweitens, vor Untätigkeit durch Überforderung. Produktmanager brauchen handhabbare Methoden, die direkt in NPD-Prozesse, Sortimentsentscheidungen und Lieferantenverträge integriert werden können. Zudem ist eine gute Bewertung die Basis für Investitionsentscheidungen und für glaubwürdige Kommunikation gegenüber Handelspartnern und Verbraucher:innen.

Grundprinzipien meiner Methode

  • Arbeite mit einer klaren Basislinie (Baseline): gleiche Produktvariante, selbe Packungsgröße, identischer Absatzzeitraum.
  • Trenne technische Wirksamkeit (z. B. CO2e-Einsparung pro Einheit) von fahrwirtschaftlicher Umsetzung (Marktdurchdringung, Akzeptanz).
  • Berücksichtige Unsicherheiten quantitativ: beste, wahrscheinliche und konservative Szenarien.
  • Fokussiere auf die größten Hebel (Pareto-Prinzip): meist sind 20 % der Maßnahmen für 80 % der Reduktion verantwortlich.
  • Setze pragmatische KPIs, die regelmäßig gemessen werden können.

Schritt 1: Baseline definieren

Die Baseline ist die Referenz, gegen die Du Reduktionen misst. Ich empfehle:

  • Definiere das Produkt genau: Rezeptur, Packungsgröße, Verpackungsmaterial, Lieferkette.
  • Wähle einen klaren Zeitraum (z. B. Kalenderjahr 2024) und den relevanten Absatzmarkt.
  • Erfasse Scope-1 und Scope-2-Daten beim Hersteller; für Scope-3 nutze standardisierte Emissionsfaktoren oder Lieferantendaten.

Ohne eine robuste Baseline gibt es keine Aussagekraft. Ein häufiger Fehler ist, Baselines zu ändern, sobald Maßnahmen eingeführt werden — das untergräbt Vertrauen.

Schritt 2: Lebenszyklusanalyse mit pragmatischem Fokus

Vollständige LCA (Life Cycle Assessment) sind wertvoll, aber teuer und zeitaufwendig. Ich arbeite bevorzugt mit einer screening-LCA, die die Hotspots identifiziert. Vorgehen:

  • Ermittle Emissionen für Rohstoffe, Verarbeitung, Verpackung, Transport, Nutzung und Ende-der-Lebensdauer.
  • Ordne die Hotspots: Rohstoffe (z. B. Fleisch, Öle), Verpackung (Material & End-of-Life) und Transport sind üblich die größten Hebel.
  • Führe für die Top-3-Hotspots eine detailliertere Analyse durch; für den Rest reichen standardisierte Faktoren.

Schritt 3: Maßnahmen validieren — technische Wirksamkeit vs. Marktdurchdringung

Für jede Maßnahme unterscheide ich zwei Kennzahlen:

  • CO2e-Einsparung pro Einheit (z. B. kg CO2e/pro Packung).
  • Implementierungsgrad (z. B. Anteil des Volumens, das die Maßnahme annimmt innerhalb von 12/24 Monaten).

Beispiel: Rezepturanpassung reduziert 0,15 kg CO2e/Packung. Wenn Du erwartest, dass 60 % des Volumens innerhalb eines Jahres auf die neue Rezeptur umgestellt werden, ist die jährliche Einsparung 0,15 * 0,6 * Absatzvolumen.

Schritt 4: Szenario-Modell — beste, wahrscheinliche, konservative Schätzung

Jede Maßnahme bekommt drei Szenarien:

  • Best Case: technische Wirksamkeit erreicht + hohe Marktakzeptanz.
  • Wahrscheinlich: realistische Annahmen basierend auf Pilotdaten oder ähnlichen Produktlancierungen.
  • Conservative: niedrige Akzeptanz und Reduktionsrate.

Dieses Dreieck reduziert Überraschungen und macht die Planungen für Geschäftsführung und Einkauf belastbarer.

Schritt 5: KPIs, Monitoring und Reporting

KPIs sollten operationalisierbar und regelmäßig messbar sein. Beispiele:

KPI Beschreibung Frequenz
kg CO2e / Packung (Cradle-to-Shelf) Gesamtemissionen pro Verkaufseinheit jährlich / nach Rezepturwechsel
t CO2e eingespart (Jahresbasis) Summe der Einsparungen aller Maßnahmen vierteljährlich
Implementierungsgrad (%) Anteil des Volumens, das auf Maßnahme umgestellt wurde monatlich / quartalsweise
Uncertainty Range (%) Abweichung zwischen konservativem und Best-Case-Szenario jährlich

Praxisbeispiel: Verpackungsoptimierung

Ich habe mit einem mittelständischen Hersteller an einer Verpackungsoptimierung gearbeitet. Ausgangslage: 12 g Kunststoff pro Packung, 5 Mio. Packungen/Jahr. Maßnahmenpaket:

  • Redesign: 10 % Materialersparnis (1,2 g/Packung).
  • Umstieg auf höheres Rezyklat: 20 % CO2e-Reduktion der Verpackungskomponente.
  • Verpackungsgröße optimieren: 2 % weniger Volumenverlust durch dichte Palettierung.

Analysis: Verpackung macht ~15 % der Produkt-CO2e aus. Technische Einsparung pro Packung war 0,06 kg CO2e. Mit konservativer Annahme (50 % Umstellungsgrad im Jahr 1) ergab sich eine jährliche Einsparung von 0,06 * 0,5 * 5.000.000 = 150 t CO2e. Das reichte, um Investitionen in Tooling innerhalb von 2-3 Jahren ökonomisch zu rechtfertigen.

Lieferantendaten vs. Standardfaktoren

Lieferantendaten sind ideal, aber nicht immer verfügbar. Mein pragmatischer Ansatz:

  • Nutze Lieferantendaten, wo verfügbar; validiere stichprobenartig.
  • Für andere Komponenten: verwende etablierte Emissionsfaktoren (z. B. DEFRA, Ecoinvent) und dokumentiere Annahmen.
  • Setze einen Plan zur schrittweisen Verbesserung der Datenqualität (z. B. Lieferantensurveys, Audits).

Kommunikation und Greenwashing-Risiken

Selbst wenn Einsparungen real sind, ist die Art der Kommunikation entscheidend. Ich rate zu folgenden Regeln:

  • Sei transparent über Methodik, Baseline und Unsicherheiten.
  • Vermeide prozentuale Aussagen ohne Zeitbezug und Bezugsgröße (z. B. "30 % weniger CO2" — 30 % weniger im Vergleich zu was und bis wann?).
  • Nutze verifizierbare KPIs und veröffentliche, wenn möglich, eine Kurzversion der Berechnung.

Pragmatische Prioritätenliste für Produktmanager

  • Start mit Hotspot-Analyse (screening-LCA).
  • Schnelle Maßnahmen mit hohem Impact und geringer Komplexität zuerst (z. B. Verpackungsgewicht reduzieren, Energieeffizienz in Produktion).
  • Mittel- bis langfristig: Rezeptur- und Lieferkettenstrategien (z. B. Sourcingwechsel, Inhaltsstoffsubstitution).
  • Stetiges Monitoring und Anpassung der Szenarien.

Wenn Sie möchten, kann ich Ihre Produktlinie kurz screenen (auf Basis vorhandener Daten) und eine erste grobe Abschätzung der realistischen CO2-Reduktion in drei Szenarien erstellen. Das hilft, Prioritäten zu setzen und Investitionen gezielt zu planen.

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