Nachhaltigkeit

Wie formuliert und belegt man klimaneutrale produktclaims nach eu-regeln ohne greenwashing-risiko

Wie formuliert und belegt man klimaneutrale produktclaims nach eu-regeln ohne greenwashing-risiko

Als Produktentwicklerin und Beraterin treffe ich immer wieder auf dieselben Fragen: Darf ich „klimaneutral“ auf mein Produkt schreiben? Welche Nachweise brauche ich, um Greenwashing-Vorwürfen aus dem Weg zu gehen? Und wie formuliere ich eine glaubwürdige, rechtssichere Claim-Kommunikation nach den neuen EU-Vorgaben? In diesem Beitrag beschreibe ich praktische Schritte, die ich in Projekten anwende, damit Marketing und Compliance Hand in Hand gehen — inklusive konkreter Formulierungsbeispiele und Prüfkriterien.

Warum die Formulierung und Begründung so wichtig ist

„Klimaneutral“ klingt einfach und verkaufsfördernd, aber es ist auch ein juristisch und wissenschaftlich sensibler Begriff. Die EU-Gesetzgebung (Green Claims-Ansatz) zielt darauf ab, irreführende Umweltbehauptungen zu unterbinden. Für Unternehmen bedeutet das: Keine pauschalen Versprechen mehr ohne transparente Methodik und nachvollziehbare Daten. Aus meiner Erfahrung schadet eine schlecht belegte Claim-Strategie langfristig mehr als kurzfristig nützt — Markenvertrauen ist schwer zurückzugewinnen.

Grundprinzipien, die ich vor jeder Claim-Kommunikation einhalte

  • Transparenz: Jeder Claim muss mit einer klaren Methodik, zeitlichem Referenzrahmen und funktionaler Einheit verbunden sein.
  • Vollständigkeit: Angaben zum betrachteten Lebenszyklus (z. B. cradle-to-gate, cradle-to-grave) müssen vorhanden sein.
  • Nachprüfbarkeit: Ergebnisse müssen dokumentierbar und idealerweise durch Dritte prüfbar sein.
  • Vergleichbarkeit: Wenn ein Vergleich stattfindet, müssen Basis und Methode beschrieben werden.
  • Welche Belege und Standards empfehle ich?

    Ich verlasse mich in Projekten auf anerkannte LCA-Standards und PEF-Ansätze:

  • ISO 14040/44 (Lebenszyklusanalysen) als methodische Grundlage.
  • ISO 14067 für Produkt-CO2-Fußabdrücke — nützlich, wenn Sie „CO2-Äquivalent“-Angaben machen.
  • Produkt-Umwelt-Footprint (PEF) / PEFCR — die EU empfiehlt diese Methode zur Harmonisierung von Produktbewertungen.
  • PEFCRs oder andere Product Category Rules (PCR): Wenn vorhanden, sollten Sie für Ihre Produktkategorie eine spezifische PCR nutzen.
  • Diese Standards helfen, die Vergleichbarkeit und Robustheit Ihrer Aussagen sicherzustellen. In meinen Projekten dokumentiere ich LCA-Modelle, Annahmen (Datenquellen, Regionalisierung, Datenalter) und Unsicherheiten in einem technischen Annex, den ich bei Bedarf externen Prüfern vorlege.

    Konkrete Schritte zur Absicherung eines „klimaneutral“-Claims

    Ich arbeite meist mit folgender pragmatischer Checkliste:

  • 1) Definieren Sie die funktionale Einheit (z. B. 1 Packung 250 g) und den Lebenszyklusrahmen (cradle-to-gate vs. cradle-to-grave).
  • 2) Führen Sie eine LCA durch (oder lassen Sie sie durchführen) nach ISO 14040/44; nutzen Sie, wo möglich, PEF/PEFCR-Vorgaben.
  • 3) Quantifizieren Sie die Treibhausgasemissionen in CO2e und dokumentieren Sie Scope 1–3-Abgrenzungen.
  • 4) Setzen Sie Reduktionsmaßnahmen um und dokumentieren Sie deren Wirkung (z. B. Umstellung auf Ökostrom, Verpackungsoptimierung, Logistikoptimierung).
  • 5) Wenn Sie verbleibende Emissionen ausgleichen wollen: Wählen Sie hochwertige, zusätzliche, zertifizierte Kompensationsprojekte (z. B. nach VCS, Gold Standard) und dokumentieren Sie Dauerhaftigkeit, Zusatznutzen, Risiken der Nicht-Permanenz.
  • 6) Legen Sie einen Prüfpfad fest: interne Validierung + externe Verifikation (z. B. akkreditierte Dritte oder unabhängige Gutachter).
  • 7) Erstellen Sie eine zugängliche „substantiation file“ (technisches Dossier) und verlinken Sie diese leicht erreichbar z. B. via QR-Code auf der Verpackung oder Produktseite.
  • Typische sprachliche Fallen — und wie ich sie vermeide

    Folgende Formulierungen sind problematisch und werden schnell als irreführend eingestuft:

  • „Klimaneutral“ ohne Erklärung des Bezugszeitraums und der Abdeckung (Produkt vs. Unternehmen).
  • „100 % CO2-kompensiert“ ohne Nachweis der Qualität und Zusatzität der Projekte.
  • Vage Superlative wie „umweltfreundlich“ oder „nachhaltig“ ohne konkrete Kriterien.
  • Ich empfehle stattdessen präzisierende Claims wie:

  • „Klimaneutral (Scope: Produktlebenszyklus von Herstellung bis Verkauf) — Restemissionen durch verifizierte CO2-Kompensationsprojekte ausgeglichen.“
  • „CO2-Fußabdruck: X kg CO2e pro 250 g (cradle-to-gate), berechnet nach ISO 14067; technische Details: [Link/QR].“
  • Solche Formulierungen vermeiden allgemeine Floskeln und laden zur Verifikation ein — das stärkt Glaubwürdigkeit.

    Wie gehe ich mit Kompensation um?

    Kompensation ist nicht per se falsch, wird aber häufig missverstanden. In meiner Arbeit befolge ich zwei Grundsätze:

  • Priorität für Emissionsreduktion: Erst reduzieren, dann kompensieren. Kompensation ist das letzte Mittel für unvermeidbare Emissionen.
  • Qualität der Kompensation: Nur Projekte mit klarer Zusatzität, dauerhafter Wirkung und transparentem Monitoring (z. B. Gold Standard, VCS) verwenden.
  • Praktisch dokumentiere ich, welche Emissionsmengen nicht vermeidbar waren, welche Kompensationsprojekte gewählt wurden (inkl. Projekt-ID), und binde diese Angaben an die Produktkommunikation.

    Beispiele aus der Praxis

    Ich habe z. B. für einen mittelständischen Snack-Hersteller den Claim wie folgt aufgebaut:

  • Auf der Verpackung: „Klimaneutraler Snack — Restemissionen kompensiert“ und ein QR-Code.
  • Auf der Landingpage hinter dem QR-Code: Technisches Dossier mit LCA-Methodik (cradle-to-gate), Tabelle der Emissionsquellen (Rohstoffe, Energie, Verpackung, Transport), Reduktionsmaßnahmen und Kompensationsprojekten (inkl. Zertifikatsnummern).
  • Das Ergebnis: geringerer Prüfaufwand bei Handelsketten, mehr Vertrauen bei Endkunden und weniger Nachfragen der Compliance-Abteilung — weil alles transparent dokumentiert war.

    Kommunikative Gestaltung: Was ich den Marketingteams rate

  • Vermeiden Sie Absolutheiten, wenn die Daten Unsicherheiten aufweisen. Formulierungen mit „gedacht für“ oder „unter den getroffenen Annahmen“ sind zulässig und ehrlich.
  • Nutzen Sie QR-Codes oder Kurzlinks, um das technische Dossier leicht zugänglich zu machen — Konsumenten, Händler und Prüfstellen sollen nicht nach Belegen suchen müssen.
  • Setzen Sie auf visuelle Klarheit: Ein kleines Icon mit einem Link zur Vollsubstantiation ist oft besser als große Siegel, deren Aussagekraft unklar ist.
  • Was die neuen EU-Regelungen konkret verlangen — in meiner Interpretation

    Die EU legt zunehmend Wert auf Nachprüfbarkeit, Lebenszyklus-Betrachtung und standardisierte Methoden (PEF/ISO). Aus meiner Sicht heißen die Kernerwartungen:

  • Belege für die Methodik und Datenbasis (LCA-Dokumentation).
  • Angabe des Geltungsbereichs und der funktionalen Einheit.
  • Transparenz über Kompensationsmaßnahmen und -standards.
  • Einrichtung einer zugänglichen Substantiation-Datei für Verbraucher und Behörden.
  • Unternehmen, die diese Punkte ernst nehmen, reduzieren das Risiko von Beanstandungen und schaffen klare Entscheidungsgrundlagen für Händler und Konsumenten.

    Checkliste für die Umsetzung (schnell abrufbar)

    SchrittWas ich prüfe
    DefinitionFunktionale Einheit, Lebenszyklusrahmen
    AnalyseLCA nach ISO/PEF, Datentransparenz
    ReduktionDokumentierte Maßnahmen & quantifizierte Effekte
    KompensationZertifizierte Projekte, Zusatzität, Dauerhaftigkeit
    VerifikationInterne Prüfung + externe Verifikation (sofern möglich)
    KommunikationPräzise Claim-Formulierung + zugängliche Substantiation

    Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen für Ihr Produkt eine initiale Prüfmatrix erstellen: funktionale Einheit, empfohlene PEFCR (falls existent), grobe Emissionshotspots und Vorschläge zur Claim-Formulierung. Solche kurzen Assessments sind oft der schnellste Weg, um Marketing und Nachhaltigkeitsziele in Einklang zu bringen.

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