Nachhaltigkeit

Wie bewertet man Trade-off zwischen bio-zertifizierung und Lieferstabilität bei neuen Produkten

Wie bewertet man Trade-off zwischen bio-zertifizierung und Lieferstabilität bei neuen Produkten

Bei der Entwicklung neuer Produkte stellt sich regelmäßig die Frage: Sollen wir auf eine Bio-Zertifizierung setzen – oder bringt uns Stabilität in der Lieferkette mehr? Als Produktentwicklerin und Beraterin treffe ich immer wieder auf dieses Dilemma. In diesem Beitrag teile ich meine Herangehensweise, praktische Bewertungs­kriterien und konkrete Tools, mit denen ich Trade-offs zwischen Bio-Label und Lieferstabilität systematisch abwäge.

Warum dieser Trade-off so schwierig ist

Bio vermittelt Verbrauchern Glaubwürdigkeit, Nachhaltigkeit und oft auch einen höheren Preis­aufschlag. Gleichzeitig erhöhen Bio-Rohstoffe das Risiko von Lieferengpässen, Preisschwankungen und administrativen Hürden (z. B. Rückverfolgbarkeit, Zertifizierungskosten). Für Marken, die Markteinführungen planen oder das Sortiment erweitern, bedeutet das: ein attraktives Nachhaltigkeitsversprechen kontra planbare Produktion und Verfügbarkeit.

Meine Erfahrung zeigt: Es gibt keine pauschale Antwort. Stattdessen hilft ein strukturierter Entscheidungsprozess, der drei Dimensionen berücksichtigt: Markt & Positionierung, Supply Chain-Risiko und Wirtschaftlichkeit.

Dimension 1 – Markt & Positionierung

Bevor ich an Lieferanten oder Zertifikate denke, frage ich: Was erwartet die Zielgruppe wirklich?

  • Markenversprechen: Ist Nachhaltigkeit Kern der Marke oder ein ergänzendes Attribut? Ein Bio-Siegel passt besser zu Marken, die klar auf Nachhaltigkeit und Premiumqualität setzen.
  • Kundenerwartung: Haben Konsumenten in der Zielkategorie eine hohe Bereitschaft, für Bio zu zahlen? In manchen Kategorien (z. B. Babynahrung) ist Bio fast Standard, in anderen (z. B. Snack-Segment) weniger.
  • Wettbewerbsumfeld: Wie positionieren sich Wettbewerber? Ein Bio-Claim kann Differenzierung bringen, aber nur, wenn er glaubwürdig und kommunizierbar ist.

Dimension 2 – Lieferstabilität & Supply Chain-Risiken

Für mich ist Transparenz in der Lieferkette zentral. Ich analysiere sechs Kernrisiken:

  • Verfügbarkeit saisonaler Rohstoffe
  • Regionale Abhängigkeiten (z. B. wenige Lieferanten in einer Region)
  • Qualitätsschwankungen
  • Preisvolatilität
  • Compliance- und Zertifizierungsanforderungen
  • Transport- und Logistikrisiken

Ein einfaches Tool, das ich gerne nutze, ist eine Risiko-Matrix (Wahrscheinlichkeit x Auswirkung) für jeden relevanten Rohstoff. Das hilft, «kritische» Zutaten zu identifizieren, bei denen Bio einen großen Einfluss auf Stabilität hat.

Dimension 3 – Wirtschaftlichkeit

Bio kostet – sowohl in Einkauf als auch in Administration (zertifizierte Lieferanten, Audit-Kosten, Dokumentation). Ich rechne deshalb drei Kennzahlen durch:

  • Deckungsbeitrag pro Einheit mit Bio vs. konventionell
  • Break-even-Verkaufsmenge unter Annahme höherer Einkaufskosten
  • Preis-Elasticität der Zielgruppe (wie viel Preisaufschlag tolerierbar ist)

Nur wenn die Wirtschaftlichkeitsrechnung zeigt, dass ein Bio-Produkt entweder margentechnisch tragbar ist oder die Marke signifikant aufwertet, empfehle ich eine vollständige Bio-Zertifizierung.

Praktische Bewertungsmatrix, die ich einsetze

Ich setze eine einfache Scoring-Matrix ein, mit der man beide Optionen (Bio vs. konventionell mit Nachhaltigkeitsmaßnahmen) gegenüberstellt. Hier ein Beispiel in Tabellenform:

Kriterium Gewichtung Bio (Score 1-5) Konv. + Maßnahmen (Score 1-5)
Marken-Fit 25% 4 3
Lieferstabilität 25% 2 4
Kalkulatorische Marge 20% 2 4
Time-to-Market 15% 2 5
Kundenakzeptanz 15% 4 3

Die Summe der gewichteten Scores ergibt eine Entscheidungsgrundlage. In meinem Beispiel wäre «Konv. + Maßnahmen» wahrscheinlich die pragmatischere Option – insbesondere wenn Time-to-Market und Marge kritisch sind.

Alternative Ansätze: Hybridmodelle, die ich oft empfehle

Oft ist die Entscheidung kein absolutes Entweder-Oder. Ich bevorzuge gestaffelte oder hybride Ansätze:

  • Selektive Bio-Zertifizierung: Bio für die Kernzutat (z. B. Bio-Hafer in einem Haferdrink), konventionell für weniger wahrnehmbare Zutaten.
  • Phasenansatz: Launch mit konventioneller Rezeptur und klaren Nachhaltigkeitsmaßnahmen; später Umstellung auf Bio, sobald Supply Chain stabil ist.
  • Regionalitätsfokus: Bio-Zutaten aus stabilen, regionalen Quellen, um Transport- und Lieferrisiken zu reduzieren.
  • Third-Party-Siegel statt Voll-Bio: Programme wie Fairtrade, Rainforest Alliance oder nachhaltige IP-Labels können Teil des Versprechens sein, wenn vollständige Bio-Zertifizierung zu ambitioniert ist.

Case-Beispiele aus der Praxis

Ich habe erlebt, wie ein Start-up im Müslisegment anfangs auf Bio gesetzt hat – verlor aber aufgrund von Rohstoffknappheit zwei Handelspartner. Nach einer Restrukturierung entschied man sich für einen Hybridweg: Bio-Hafer, konventionelle Nüsse mit Lieferantenverträgen und transparente Kommunikation gegenüber Kundinnen und Kunden. Das Resultat: verbesserte Verfügbarkeit und weiterhin ein glaubwürdiges Nachhaltigkeitsprofil.

In einem anderen Projekt mit einem etablierten Händler nutzten wir regionale Bio-Partnerschaften (mit kleineren, zertifizierten Bauernkooperativen) und kombinierten das mit langfristigen Abnahmeverträgen. Die Investition in Vorfinanzierung und Planung brachte Stabilität und verbesserte CO2-Kennzahlen durch kürzere Transportwege.

Kommunikation: so mache ich Kompromisse glaubwürdig

Wenn man nicht überall Bio verwenden kann, ist Transparenz entscheidend. Ich empfehle:

  • Klare Produktkommunikation: «Bio-Hafer + regionales Getreide» statt vager Labels.
  • Storytelling über Lieferantenpartnerschaften und geplante Umstellungen.
  • Messbare KPIs kommunizieren (z. B. >30% Bio-Anteil, Ziel: 100% in 24 Monaten).

Verbraucher*innen reagieren positiv auf ehrliche Roadmaps. Marken wie Oatly oder Alnatura zeigen, dass Transparenz Vertrauen schafft, auch wenn ein Produkt nicht vollständig biozertifiziert ist.

Meine praktische Checkliste für die Entscheidungsfindung

  • Markenstrategie prüfen: Passt Bio zum Kernversprechen?
  • Risikomatrix für zentrale Rohstoffe erstellen
  • Wirtschaftlichkeitsrechnung (Deckungsbeitrag, Break-even)
  • Optionen für Hybrid-/Phasenansatz bewerten
  • Kommunikationsplan mit klaren KPIs erarbeiten
  • Langfristige Lieferantenpartnerschaften planen (Absicherungsmechanismen)

Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen helfen, diese Schritte auf Ihr konkretes Produkt anzuwenden — inklusive einer maßgeschneiderten Risiko-Matrix und Kommunikationsvorlage. Sprechen Sie mich an, wenn Sie ein konkretes Beispiel durchrechnen wollen.

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