Nachhaltigkeit

Wie stellt ein mittelständischer hersteller eine klimafreundliche lieferkette für bio‑zutaten um, ohne die verfügbarkeit unter 9 zu senken

Wie stellt ein mittelständischer hersteller eine klimafreundliche lieferkette für bio‑zutaten um, ohne die verfügbarkeit unter 9 zu senken

Als Gründerin und Redakteurin von Innovation Produce habe ich in den letzten Jahren häufig mit mittelständischen Herstellern gearbeitet, die genau vor dieser Aufgabe stehen: Sie wollen ihre Lieferkette für Bio‑Zutaten klimafreundlich umstellen – und gleichzeitig sicherstellen, dass die Produktverfügbarkeit stabil bleibt, idealerweise nicht unter 9 (auf einer Skala, die wir intern nutzen, um Lieferzuverlässigkeit zu bewerten). Aus meiner Praxis kenne ich die Spannungsfelder: begrenzte Mengen nachhaltiger Rohstoffe, schwankende Ernten, längere Transportwege bei regionalem Sourcing und oft eng kalkulierte Margen. In diesem Beitrag beschreibe ich eine pragmatische Vorgehensweise, die ich in Projekten mehrfach getestet habe.

Zunächst: Verstehen, was mit "Verfügbarkeit ≥ 9" gemeint ist

Für viele meiner Kund:innen bedeutet eine Verfügbarkeit von 9 auf 10, dass Out-of-Stock‑Risiken minimal sind: Lieferzeiten werden eingehalten, Sicherheitsbestände reichen für Produktionsspitzen, und der Handel erlebt keine relevanten Lücken. Bevor man also umstellt, sollten wir diese Zielgröße operationalisieren:

  • Definition der KPI Verfügbarkeit (z. B. Servicegrad in %, Lieferzuverlässigkeit in Tagen)
  • Festlegen von Toleranzen (max. Häufigkeit und Dauer von Out-of-Stock)
  • Mapping der kritischen Zutaten, die für die Verfügbarkeit besonders relevant sind
  • Schritt 1 – Transparenz schaffen: Mapping der bestehenden Lieferkette

    Ich beginne immer mit einem Lieferketten-Map: Wer sind die Tier‑1‑ und Tier‑2‑Lieferanten? Woher stammen die Rohstoffe, und welche Mengen fließen in welche Produktlinien? Oft findet man Überraschungen: ein vermeintlich lokaler Lieferant, der eigentlich einen Großteil importiert, oder mehrere Produkte, die dieselbe kritische Zutat aus einer Region beziehen.

  • Erfassen von Volumen, Preisen, Lead Times und saisonalen Schwankungen
  • Dokumentation von Zertifikaten (Bio, Fairtrade, Regenerative Agriculture)
  • Risikobewertung nach Kriterien wie Klimaextreme, politische Instabilität, Transportengpässe
  • Schritt 2 – Priorisieren: Welche Zutaten zuerst umstellen?

    Nicht alle Zutaten müssen gleichzeitig umgestellt werden. Ich priorisiere nach drei Kriterien:

  • CO2‑Impact pro kg Zutat (Hoch → priorisieren)
  • Kritikalität für Verfügbarkeit (High → vorsichtig und geplant umstellen)
  • Kosten- und margenrelevanz (hohe Kosten → finanziell prüfen)
  • In einem Projekt mit einem mittelständischen Bäckereihersteller haben wir z. B. mit Nüssen begonnen: hoher CO2‑Footprint durch Import und zugleich überschaubare Volumen, sodass Testmengen das Verfügbarkeitsrisiko gering hielten.

    Schritt 3 – Sourcing‑Strategien, die Verfügbarkeit sichern

    Eine klimafreundliche Umstellung verlangt eine Mischung aus Flexibilität und langfristiger Partnerschaft:

  • Mehrquellenstrategie: Nicht nur einen Bio‑Lieferanten suchen, sondern mehrere, idealerweise aus unterschiedlichen Regionen, um Ernteausfälle abzufedern.
  • Langfristige Abnahmeverträge: Verträge mit Staffelpreisen und klaren Volumenbindungen schaffen Planungssicherheit für Erzeuger und sichern Liefermengen.
  • Regionale Ergänzung: Wo möglich regionale Bio‑Zutaten ergänzend einsetzen – das reduziert Transportemissionen und kann Lieferzeiten verkürzen.
  • Contract Farming / Partnerschaften: Direkte Zusammenarbeit mit Landwirt:innen (inkl. Vorfinanzierung, Anbaud trainings) erhöht die Versorgungssicherheit und verbessert Klimabilanz.
  • Schritt 4 – Operative Maßnahmen: Inventar, Produktion, Forecasting

    Um die Verfügbarkeit nicht unter 9 zu drücken, haben sich bei meinen Kunden folgende Maßnahmen bewährt:

  • Erhöhter Sicherheitsbestand nur für kritische Bio‑Zutaten – gut kalkuliert: das Kapitalbindungsrisiko gegen Versorgungssicherheit abwägen.
  • Rolling Forecasts (wöchentlich/monatlich) mit enger Abstimmung zwischen Einkauf, Produktion und Vertrieb – besonders in Saisonphasen.
  • Flexible Rezepturen: Produktdesign so anlegen, dass alternative Bio‑Zutaten (z. B. verschiedene Getreidesorten) möglich sind, ohne die Marke zu verwässern.
  • Pufferkapazitäten in Produktion: zusätzliche Schichten oder flexible Losgrößen in Peak‑Phasen.
  • Schritt 5 – Nachhaltigkeit messen und steuern

    Für eine glaubwürdige Klimafreundlichkeit genügt keine Absichtserklärung. Wir brauchen messbare KPIs und transparente Berichterstattung. In der Praxis nutze ich eine Kombination aus operativen und Umweltindikatoren:

    KPIZielvorgabeMessintervall
    Servicegrad (Verfügbarkeit)>= 95 % (entspricht Verfügbarkeit ≥ 9)Monatlich
    CO2‑Äquivalent pro Produkt-20 % in 3 Jahren (gegen Basisjahr)Jährlich
    Anteilsvolumen Bio‑ZutatenStufenweise Erhöhung (z. B. 30 → 50 %)Quartalsweise
    Lieferanten mit Nachhaltigkeitsverträgen80 % binnen 2 JahrenJährlich

    Schritt 6 – Risiko‑ und Krisenmanagement

    Eine klimafreundliche Umstellung erhöht kurzfristig die Komplexität. Deshalb setze ich auf:

  • Frühwarnindikatoren: Wetterdaten, Ernteprognosen, politische Nachrichten, Logistikengpässe.
  • Notfall‑Beschaffungsplan: Liste alternativer Lieferanten und definierte Eskalationswege.
  • Insurance & Hedging: Für bestimmte Rohstoffe prüfen wir Versicherungen gegen Ernteausfälle oder Preisabsicherungen.
  • Praxisbeispiel: Wie wir bei einem Kunden die Haselnuss‑Umstellung gemacht haben

    Ich habe einen Fall begleitet, bei dem ein mittelständischer Snack‑Hersteller Haselnüsse schrittweise von konventionell auf Bio umstellte. Die Schritte:

  • Pilotphase: 10 % des Jahresverbrauchs über Bio‑Lieferant A aus der Türkei; Qualität und Lieferzeit überwacht.
  • Parallelaufbau: Regionaler Partner in Spanien als zweite Quelle aufgebaut (20 %). Das reduzierte Saisonrisiken.
  • Vertragsgestaltung: 3‑Jahres‑Abnahmevertrag mit Preisgleitklauseln und Volumanpassung für schlechte Erntejahre.
  • Inventarstrategie: Sicherheitsbestand für 6 Wochen für kritische Sku’s eingeführt und Produktionsschedule flexibilisiert.
  • Ergebnis nach 18 Monaten: Anteil Bio‑Haselnüsse stieg auf 45 %, CO2‑Footprint sank, und der Servicegrad blieb bei 96 % – also über unserer Zielmarke von 9.

    Kommunikation: Handel und Konsument:innen mitnehmen

    Eine Umstellung ist nicht nur logistisches Projekt, sondern auch Kommunikationsaufgabe. Ich empfehle:

  • Frühzeitige Abstimmung mit Handelskunden über Lieferfenster und mögliche Staffelungen
  • Transparente Kommunikation auf Produktetiketten und POS über Vorteile (z. B. „Bio aus partnerbetrieben“)
  • Storytelling: Warum diese Umstellung ökologisch sinnvoll ist – das erhöht die Akzeptanz für mögliche Preisanpassungen
  • Tools und Partner, die ich oft empfehle

    In Projekten nutze ich pragmatische Tools: einfache Excel‑Modelle für Sourcing‑Simulationsrechnungen, ERP‑Schnittstellen für bessere Forecast‑Integration, sowie Nachhaltigkeitsplattformen wie EcoVadis oder regionalspezifische Zertifizierer. Wichtig ist: die Tools sollen Entscheidungen erleichtern, nicht neue Silos schaffen.

    Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen ein kompaktes Audit‑Template und eine Checkliste zur Priorisierung Ihrer Zutaten zur Verfügung stellen. Bei Interesse begleite ich gern einen Pilot, um Risiken klein zu halten und gleichzeitig messbare Klima‑Effekte zu erzielen.

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